Schlammlawinen in Sierra Leone: Die Katastrophe nach der Katastrophe

Die verzweifelte Situation der Überlebenden nach der Schließung der Notunterkünfte in Freetown

Aufgrund starker Regenfälle löste sich am 14. August 2017 ein Hang des Mount Sugar Leaf. Eine Geröll- und Schlammlawine mit riesigen Gesteinsbrocken wälzte sich in Richtung Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, und begrub ganze Stadtteile unter sich. Auf einer Länge von zwei Meilen hinterließ sie eine Schneise der Verwüstung. Anders als ursprünglich in Deutschland gemeldet, kamen nicht 200, sondern schätzungsweise 1.000 Menschen ums Leben. Weitere 5.300 sind von den Auswirkungen der Katastrophe direkt betroffen.

Unmittelbar nach der Naturkatastrophe setzte die internationale Gemeinschaft Hilfsprogramme auf, um die Überlebenden, die zum Teil alles verloren hatten, mit dem Nötigsten zu versorgen. Street Child startete als eine der ersten Hilfsorganisationen einen offiziellen Spendenaufruf und war unter den ersten Helfern vor Ort. Die 70 einheimischen Street Child Mitarbeiter begannen sofort mit der Verteilung von Notrationen, die von der britischen Regierung bereitgestellt wurden. Street Child-Teams arbeiteten mehr als einen Monat rund um die Uhr.

Was wir bisher erreichen konnten:

  • 87.142 Essenspakete
  • 13.242 warme Mahlzeiten
  • 3.236 Hygieneartikel
  • 5.874 Kleidungspakete
  • 2.094 Handtücher

Außerdem hat das Team 9.727 Menschen über Hygienemaßnahmen bei der gemeinschaftlichen Benutzung sanitärer Einrichtungen aufgeklärt.

 

Die Katastrophe nach der Katastrophe

Aktuell zeichnet sich ab, dass die Opfer, denen ohnehin nichts als ihr Leben geblieben ist, nun auch noch den Schutz, den die Notunterkünfte bieten, verlieren sollen. Mitte November hat die Regierung von Sierra Leone begonnen, die Notunterkünfte zu schließen. Ausgerüstet mit einer Erstausstattung an Grundnahrungsmitteln, Decken, Geschirr, einem Ofen etc. sowie 200 Pfund in bar werden die registrierten Bewohner der Notunterkünfte auf die Straße geschickt. Diese Starthilfe ist dafür gedacht den Opfern der Naturkatastrophe den Aufbau einer Existenz zu ermöglichen. Doch dafür reichen weder das Geld noch die Lebensmittel.

In einem Land, in dem die Menschen keine Bankkonten haben und ihr Zuhause gleichzeitig auch ihre Geschäftsräume beherbergen, ist der Verlust der Wohnung auch gleichzeitig der finanzielle Ruin. Es ist auch der Verlust der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Notunterkünfte in Freetown bieten den Katastrophenopfern wenigstens einen Platz zum Schlafen. Nach der Schließung der Camps gibt es dann keinen Platz mehr, wo die Obdachlosen bleiben könnten. Besonders hart trifft die Auflösung der Notunterkünfte junge alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern.

Zum Beispiel Hannah …

 

 

"Es ist wirklich nicht einfach Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.                    Ich weiß nicht, was ich sagen soll."

Hannah Sesay sieht keine Zukunftsperspektive für sich und ihre Kinder. Sie musste die Notunterkunft bereits verlassen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, es ist nicht einfach. Ich weiß nicht, wie mein Leben weitergehen soll“, sagt sie. Die junge Witwe ist traumatisiert. Ihr Ehemann ist in der Schlammflut ums Leben gekommen. Die Lawine hat ihr gesamtes Hab und Gut weggespült. Hannah ist hochschwanger. Sie weiß nicht, wie sie ihre Kinder versorgen soll oder wie es mit deren Schulbildung weitergeht. Bereits eine Woche nach der Schließung der Notunterkunft hat sie ihr gesamtes Geld für sich und ihre fünf Kinder verbraucht. Alleine die Miete für eine Ein-Zimmer-Blechhütte kostet die junge Mutter umgerechnet etwa 170 Pfund. Aus dem Palmöl aus ihrer Notration kocht sie Suppe, die sie auf der Straße verkauft. Das wenige Geld, das sie damit verdient, fließt vollständig in die Ernährung ihrer Kinder. Davon auch noch etwas zu sparen? Daran ist überhaupt nicht zu denken.

Zum Beispiel Kadiatu…

 

 

"Ich hab keinen Platz wohin ich gehen kann. Auch wenn ich das Geld am Donnerstag erhalte, weiß ich noch nicht wohin ich gehen soll. Ich werde mit meinen Kindern auf der Straße schlafen müssen."

Kadiatu und ihre drei Kinder sind eine von wenigen Familien, die bis zuletzt im Alten Schulcamp in Freetown bleiben konnten. Zusammen mit einer Handvoll anderer Menschen lebte sie bis zuletzt in einem ansonsten leeren Zelt. Ihr Baby ist zwei Monate alt. Es ist bereits in der Notunterkunft geboren. Am Donnerstag wurde ihr gesagt, dass sie das Camp verlassen müsse. Aber Kadiatu weiß nicht, wo sie mit ihren Kindern hin soll. „Ich habe keinen Platz, wohin ich gehen könnte. Auch wenn ich am Donnerstag das Geld bekomme, werde ich keinen sicheren Platz für uns haben. Ich werde mit meinen Kindern auf der Straße schlafen müssen“, so Kadiatu verzweifelt.

 

Street Child hilft

So wie Hannah und Kadiatu geht es vielen. Street Child hilft solchen besonders gefährdeten Kindern und ihren Familien dabei, eine neue Existenz zu gründen. Street Child hat sich darauf spezialisiert, Mütter darin zu unterstützen, nachhaltige Unternehmen aufzubauen, damit sie sich die Ernährung und die Ausbildung ihrer Kinder leisten können. In Freetown haben so viele Familien alles verloren. Sie blicken einer unsicheren Zukunft entgegen. Die Arbeit von Street Child eröffnet ihnen neue Perspektiven und hilft ihnen dabei, wieder zuversichtlich nach vorne zu schauen. 

Florian Weimert